Eine kleine Sprachkritik von Max Goldt aus dem Jahr 2001

Susan Sontag kritisiert neben manch anderem, dass sämtliche Kommentatoren die Anschläge als „feige“ bezeichnen. Da hat sie natürlich Recht. Schon Ladendiebstahl erfordert Mut. Wie viel Mut braucht es da erst, ein Flugzeug zu entführen und es gegen ein Gebäude zu steuern. Man kann froh sein, dass die meisten Menschen zu feige sind, um so etwas zu tun. Sicherlich gibt es für die Attentate bessere Dekorationsadjektive, wie zum Beispiel ruchlos oder schändlich, sogar anmaßend wäre treffender als feige.

Es geht den Kommentatoren aber nicht um passende Adjektive, sondern um die Souveränität und Flüssigkeit ihres Vortrags. Um diese zu erlangen, sind in der Mediensprache viele Haupt- und Zeitwörter untrennbar an bestimmte Eigenschafts- und Umstandswörter gekettet. So wie Anschläge immer feige sind, werden Unfälle grundsätzlich als tragisch bezeichnet, obwohl es mit Tragik, also einer Verwicklung ins Schicksal oder in gegensätzliche Wertesysteme, überhaupt nichts zu tun hat, wenn jemand gegen einen Baum fährt. Ein solcher Vorgang ist banal – mithin ganz und gar untragisch. Vielleicht werden die Unfälle deshalb als tragisch bezeichnet, weil das Wort so ähnlich wie traurig klingt, und traurig ist ein Unfall immerhin für die Freunde und Angehörigen des zu Schaden Gekommenen. „Traurig“ ist den Medienleuten aber zu lasch, für sie ist Tragik wohl eine zackigere und grellere Form von Traurigkeit.

3 Gedanken zu „Eine kleine Sprachkritik von Max Goldt aus dem Jahr 2001

  1. …mmh, ich denke schon, dass ein Unfall eine ‚Verwicklung ins Schicksal‘ ist. Auch wenn ein Unfall nicht unbedingt einer höheren Macht zuzuschreiben ist, so ist doch die Verquickung der vielen Umstände, die zu einem Unfall führen – im Einzelnen noch zu beherrschen und zu korrigieren, in ihrer Gesamtheit eben nicht mehr – schicksalhaft und unkontrollierbar. Auch finde ich, dass ‚feige‘ durchaus ein gerechtfertigtes Attribut für solch eine Tat ist. Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie wiedergeben, ‚[s]chon Ladendiebstahl erfordert Mut.‘, das feige an solch einem Anschlag ist die Überlegenheit des Täters gegenüber seiner wehr- und arglosen Opfer. Sowohl durch die Wahl der Tatwaffe ( ballistische Distanzwaffe), als auch des Wissens um seine Handlungen. Der Täter hat mind. zwei ‚Vorteile‘ gegenüber den Opfern, was mithin als feige bezeichnet werden kann. Hinzu kommt noch die Intention des Täters – widerlicher Rassismus. Die Opfer hätten sich auch noch bewusst sein müssen, aufgrund ihrer ethnischen Herkunft in Gefahr zu sein, um eine Gefahrensituationen erkennen zu können. Was natürlich Unsinn ist, kein Mensch sollte sich aus irgendwelche Geburtsmerkmalen heraus gefährdet fühlen müssen. Insofern deute ich die Vorgehensweise einer solchen Tat als feige. Doch bin ich auch ganz Ihrer Meinung, was die phrasenhafte Verwendung solcher Schlagworte angeht und natürlich erst Recht bei der humanistischen Einordnung solch einer Untat.

  2. Über Twitter wurde mir ein Link zu diesem Beitrag in die Time-Line gespült. Ich bin dankbar auf diesen Text gestoßen zu sein – danke, dass Sie ihn hier verfügbar gemacht haben – er passt für mich sehr zum heutigen Tag mit seinen Meldungen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.